Govaert Flinck

(Kleve 1615-1660 Amsterdam)

Junges Mädchen mit zwei Windhunden
um 1645-1650
Öl auf Leinwand, Maße: 115,6 x 91,5 cm

 

Das Werk:

Das hochformatige Gemälde zeigt in ganzer Figur ein stehendes junges Mädchen in einer Landschaft, das in ein rotes, phantasievolles Kostüm gekleidet ist. Die äußere Erscheinung der jungen Dame wird demonstrativ durch den reichen Perlenschmuck betont. Sie trägt eine Halskette aus Perlen und am rechten Handgelenk eine Perlenkette. Vor dem geschnürten Mieder ist außerdem eine lange goldene Kette mit großen gefassten roten Steinen - die über die Schultern gelegt ist - durch eine tropfenförmige Perle zusammengeführt. Ihr blondes Haar ist mit zwei Federn und wiederum mit wertvollem Perlenschmuck versehen, der an einem mit Steinen belegten Haarreif befestigt ist. Eine große tropfenförmige Perle liegt über der Stirn des Mädchens.

Neben dem reichen Perlenschmuck ist die Kleidung der jungen Dame ebenfalls von großer Raffinesse. Über einem weißen Unterkleid trägt sie ein karminrotes Kleid, das mit reichen goldenen Bordüren abgesetzt ist.

Über dem linken Arm ist ein dunkler, auch mit reichen bestickten Bordüren verzierter Mantel zu sehen. Er korrespondiert mit dem rechten Ärmel, der unter dem roten Kleid hervorragt. Hinter dem jungen Mädchen ist ein bewachsener Felsen und ein dunkler Baumstamm angedeutet. Das Mädchen ist nach rechts gewendet und blickt aus ihren blauen Augen direkt auf den Betrachter. Mit der Linken hat sie einen Jagdspeer geschultert. In der herabhängenden rechten Hand führt sie zwei Windspiele an der Leine.

Die Identität der Dargestellten ist nicht geklärt. Aufgrund des reichen Schmuckes und der Kleidung ist eine adlige Zugehörigkeit anzunehmen.

Typologisch ist das Sujet des Bildes ein sogenanntes Portrait Historié, das zu Rembrandts Zeiten große Popularität genoss. Dabei verkörpern reale Personen mythologische oder biblische Persönlichkeiten. Daneben sind es die sogenannten Pastoralen, deren Einfluss in diesem Gemälde stark zu spüren ist. Mann kann bei dieser Mädchenfigur aufgrund der Jagdhunde und des Speeres sowohl an die Verkörperung der Jagdgöttin „Diana" denken als auch an ein junges Mädchen als Jägerin in einer Landschaft, das mehr den pastoralen Charakter dieses Gemäldes betont.

 

Der Schmuck:

Im Mittelalter erhält die Perle neben der mystischen auch eine sakrale Deutung. Perlen galten als Zeichen der Liebe zu Gott. So finden sie auch im Neuen Testament Erwähnung: Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, je eines der Tore war aus einer Perle, und die Straße der Stadt reines Gold, wie durchsichtiges Glas (Offenbarung des Johannes). Sie waren nicht zuletzt durch die Erwähnung in der heiligen Schrift unverzichtbarer Teil der Repräsentation christlicher Herrscher. Maler des Mittelalters stellten Perlen auf Marienbildern dar. Die Muttergottes selbst wurde häufig mit Perlen geschmückt dargestellt. Ritter trugen regelmäßig Perlenschmuck auf dem Schlachtfeld. Die Magie, welche von diesem Schmuck ausging, sollte sie vor Schaden schützen.

Im 16. Jahrhundert steigt England unter Königin Elisabeth I. zur Weltmacht auf und gründet erste Kolonien in Nordamerika. Eine Reihe von Porträts zeigt die Regentin im Glanz üppigen Perlenschmucks. Ihre Kleider waren oftmals mit tausenden von Perlen bestickt, die ihren herrschaftlichen Glanz unterstreichen. Tatsächlich wurden Perlen, kaum daß die Kolonialmächte die zahlreichen Vorkommen in den amerikanischen Flüssen entdeckt hatten, begehrteste Produkte, die aus den Kolonien nach Europa verschifft wurden.

Während der Renaissance erlassen manche europäischen Länder Gesetze, die das Tragen von Perlen als Adelsprivileg festschreiben.

In vielen Kulturen hat die Perle einen tiefen Symbolcharakter. So sind Perlen in China z.B. das Symbol für Reichtum, Weisheit und Würde. In arabischen Kulturen werden Frauen oder auch bestimmte Körperpartien oft mit Perlen verglichen. In der Medizin galt die Perle als Aphrodisiakum sowie als Heilmittel gegen Melancholie oder Wahnsinn. Darüber hinaus ist in der Literatur ihre Assoziation als „steingewordene" Tränen bekannt.

 

Der Künstler:

Govaert Flinck (Kleve 1615-1660 Amsterdam) war ein bedeutender Genre-, Historien- und Porträtmaler und Zeichner, der trotz seiner nur 45 Jahre dauernden Lebenszeit ein beachtliches Œuvre hinterlassen hat. Im Jahr 1629 erhielt Flinck seine ersten Lehrstunden bei Lambert Jacobsz in Leuwaarden. Um 1633 ging er nach Amsterdam wo er bis 1635 Zeichen- und Malunterricht bei Rembrandt erhielt. Dessen Stil eignete er sich stark an, so dass seine Bilder unter allen Schülern Rembrandts - mit Ausnahme van den Eeckhouts - denen des Meisters am ähnlichsten sind.

Schnell wurde Flinck nach seiner Loslösung von Rembrandt und Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit ein gefragter und hochgeachteter Künstler. Seine Porträts fanden im Amsterdamer Bürgertum sowie am königlichen Hof hohe Anerkennung. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und der Prinz Moritz von Nassau ließen viele Bilder, vorzugsweise Porträts, von ihm malen. Im Jahre 1652 erhielt er das Bürgerrecht in Amsterdam. Seine Haupttätigkeit erstreckte sich auf die Porträtmalerei. Schon mit 22 Jahren leistete er hierin Treffliches, wie das Bildnis eines jungen Mannes (Eremitage St. Petersburg) beweist. Auf der Höhe der Meisterschaft zeigt er sich im Regentenstück von 1642 (Rathaus zu Amsterdam); vortrefflich ist auch das große Schützenstück und sein Gemälde mit der Friedensfeier anlässlich des Westfälischen Friedens, beide von 1648 (Rijksmuseum, Amsterdam). Stilistisch ähneln seine Gemälde zunächst sehr denen Rembrandts. Etwa um 1642 streifte er, wohl unter dem Eindruck des Erfolgs der flämischen Malerei eines van Dyck und Rubens, den Einfluss seines Lehrmeisters ab. Seine Palette hellt sich auf und wird vielfarbiger, wodurch seine Bilder heiterer und gefälliger wirken.

Wie sein Lehrmeister Rembrandt, malte Flinck weiterhin pastorale Szenen: Junge Schäferin von 1641 (Louvre, Paris) und Ein Mädchen als Flora (Musée des Beaux-Arts, Nantes), die dem hier vorliegenden Porträt künstlerisch eng verwandt sind.

In dieser späten, gereiften Phase ab 1640 entstand auch das Porträt des Mädchens mit den Windspielen. Die Einzelfiguren in Phantasietracht gelten in seinem Oeuvre gemeinhin als seine besten Arbeiten. Das ganzfigurige Bildnis im Interieur oder in einer Landschaft platziert, liegt dem Künstler besonders. Er streift nun seine Rembrandt-Manier vollständig ab und emanzipiert sich zugunsten des in Holland und Flandern nach Rubens Tod vorherrschenden Klassizismus, vgl. Bildnis eines kleinen Mädchens (Mauritshaus, Den Haag) oder Bildnis eines Jungen um 1640 (Barber Institute of Fine Arts, Birmingham).

Auf der Höhe seiner Karriere gelingt ihm in diesen Porträts - wie auch im vorliegenden Gemälde - die meisterhafte Wiedergabe des menschlichen Individuums. Die Persönlichkeit des jungen Mädchens als Diana blickt den Betrachter nicht nur direkt an, sondern scheint sich auch in einem Gespräch mit diesem zu befinden.


 

Literatur:

  • Joachim W. von Moltke, Govaert Flinck (1615-1660) Amsterdam 1965, auf S. 152, Abb. Nr. 412 ist das Gemälde aufgeführt und abgebildet
  • Petra Jeroense, Govaert Flinck, eine Künstlerbiografie, in: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, 36, 1997, S. 73-112.

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