Johann Heinrich Tischbein d. Ä.

(Haina 1722-1789 Kassel)

Maskenszene mit Kartenspielern und einem Selbstbildnis Tischbeins,
"Giocatori al Ridotto"
Öl auf Leinwand, Maße: 109 x 195 cm

 

Provenienz:

  • Karl Kraibach, Bratislava (Pressburg) 1931, als ‘Pietro Longhi’
  • Pietro Scarpa, Venedig 1985, als ‘Lorenzo Tiepolo’

Tischbein war das bedeutendste Mitglied der hochbegabten, über vier Generationen reichenden Malerfamilie Tischbein. Er war Mitbegründer und Lehrer für Malerei an der Kasseler Kunstakademie und entwickelt sich gemäß der aktuellen Zeitströmung zu einem einzigartigen Protagonisten (Vorkämpfer) des frühen Klassizismus in Deutschland. Er war Hofmaler in Kassel und fertigte vornehmlich Porträts, aber auch mythologische Szenen, Historiengemälde und Landschaften.

Tischbein war Sohn des Bäckers Johann Heinrich Tischbein und der Susanne Margaretha Hinsing. Nach einer Malerlehre 1736 bis 1741 in Kassel beim Tapetenmaler Zimmermann und bei Johann Georg von Freese (1701–1775) stand er im Dienste kleinerer Fürstenhöfe. 1743 ging er, finanziell unterstützt von Graf Johann Philipp von Stadion, nach Paris und wurde Schüler von Carle van Loo (1705–1765). 1749 reiste er nach Venedig zu Gian Battista Piazzetta (1682–1754). 1750/51 weilte er in Rom. 1753 erfolgt die Ernennung zum Hofmaler des Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel. Während der französischen Besatzungszeit flüchtete er von 1756 bis 1762 mit verschiedenen Aufenthalten. 1762 wurde er Professor an der neu gegründeten Akademie Collegium Carolinum in Kassel.

Er war in erster Ehe (31. Oktober 1756) mit der Kanzleisekretärstochter Marie Sophie Robert (gest. 1759), in zweiter Ehe 1763 mit deren jüngster Schwester Anne Marie Pernette Robert, verheiratet.

Das spektakuläre Gemälde repräsentiert eine einzigartige Verbindung venezianischer Kunst mit dem deutschen Maler Johann Heinrich Tischbein. Der Künstler beschreibt in seinem monumentalen Gemälde zwei nicht unwichtige Aspekte des venezianischen Lebens, das Glückspiel und die Maskerade. Tischbein war 1748 in Italien und einige Monate in Venedig. Von dort reiste er weiter nach Bologna, Florenz und Rom. 1751 kehrt er über Parma und Piacenza zurück nach Norddeutschland.

Tischbein arbeitete in Venedig in der berühmten Zeichenschule von Giovanni Battista Piazzetta (Pavanello op. cit., p. 79) und fertigte einige Zeichnungen an. Joseph Friedrich Engelschall führt 1797 an, dass Tischbein zwei Gemälde in Venedig gemalt hat: ein Gruppenporträt einer Musikalischen Gesellschaft sowie eine Carnevalsszene.

Das vorliegende Gemälde wurde 1931 dem Maler Pietro Longhi zugewiesen. 1984 wird es Lorenz Tiepolo, Sohn des Giovanni Battista, zugeschrieben. Erst 1993 gelingt es G. Pavanello die Autorschaft von Tischbein zu beweisen.

Der Mann rechts mit der Hand an seinem Dreispitz ist nämlich ein Selbstbildnis des Künstlers (siehe seine um 1752 und 1755 zu datierenden Selbstbildnisse in Kassel). Die sitzende Dame neben ihm ist seine 1756 angetraute Ehefrau Marie-Sophie Robert (1726-1759). Ihr Bildnis ist in drei weiteren Gemälden festgehalten (1756 in Bern, Kunstmuseum, 1757 in Berlin, Gemäldergalerie, und in der Gemäldegalerie in Kassel). Das Jahr der Heirat ist demnach ein terminus post quem, was aber nicht ausschließt, dass er auch seine zukünftige Frau in diesem Gemälde festhalten konnte und sie ihm einfach als Modell diente.

Die Monumentalität des Gemäldes, die Thematik und die frisch in Italien aufgenommenen künstlerischen Einflüsse machen dieses Gemälde zu einem absoluten Spitzenwerk von Tischbein. In diesem Zusammenhang entstand auch das 1753 datierte und in Privatbesitz befindliche Selbstbildnis mit rotem Umhang und Maske, das fast identisch in der großformatigen Maskenszene wiederkehrt (vgl., Flohr, G 164). Der Künstler nahm diese attraktive Thematik noch einmal um 1780 in einem Gemälde auf Maskenszene mit Kassler Persönlichkeiten (Museumslandschaft Hessen Kassel, Neue Galerie). Auch dieses Gemälde ist von großem Format und gehörte ursprünglich zur Ausstattung des Wohnhauses des Malers und war dort mit Bildnissen seiner Töchter und der Familie in eine Wanddekoration eingelassen. Auch hier spielen die Herrschaften das Kartenspiel Pharo bzw. Pharao (frz. Pharaon), eines der am weitesten verbreiteten Glücksspiele in Europa im 18. und 19. Jahrhundert. Der Name des Spiels leitet sich davon ab, dass einer der Könige im Spiel als Pharao dargestellt wurde und diese Karte als besonders glückverheißend galt. Der kartengebende „Banquier“, der unmaskierte Herr mit Allonge-Perücke und der stehende Orientale sowie die Rückenfigur im roten Umhang sind Zitate aus der Mitte bis Ende der 1750er Jahre entstandenen Maskenszene.

 

Ausstellung:

Kat. Venedig, Fanti e denari. Sei secoli di giochi d’azzardo a Venezia, 1989, S. 39-42 und
S. 183, Nr. 156, als ‘Lorenzo Tiepolo’.

Kat. Venedig, Casino Municipale di Venezia, Fanti e denari. Sei secoli di giochi d’azzardo a Venezia, 1989, Nr. 156, als Lorenzo Tiepolo.

I. Artemieva, Kat. Il mondo di Giacomo Casanova. Un Veneziano in Europa, 1725 - 1798, Venedig, 1998, S. 197 und 241, Nr. 283.

Kat. Amsterdam, Amsterdams Historisch Museum, De gouden schemer van Venetië. Een portret van de Venetiaanse adel in de achttiende eeuw, 19 February-20 May 1991, no. 147 as Lorenzo Tiepolo Venice, Ca’Rezzonico, Il mondo di Giacomo Casanova. Un Veneziano in Europa, 1725-1798, 1998, Nr. 283.

D. Meijers, Kat. De gouden schemer van Venetik: een portret van de Venetiaanse adel in de achttiende eeuw, ‘s-Gravenhage, 1991, S. 160-162, Nr. 147, abgebildet auf Titelblatt.



Literatur:

  • Anna-Charlotte Flohr, Johann Heinrich Tischbein d.Ä. (1722-1789) als Porträtmaler, München 1997, in: tuduv Studien, Reihe Kunstgeschichte, Bd. 77, Kat. Nr. G 163 mit Abb.
  • G. Pavanello, ‘Johann Heinrich Tischbein, un pittore tedesco del Settecento a Venezia’,
    in: Arte Veneta, 45, 1993, S. 79-85.

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