Jan Victors

(Amsterdam 1619 bis nach 1676 Holländisch Ostindien)

Juda und Thamar
um 1650
Öl auf Leinwand, Maße: 123 x 131 cm

 

Die Geschichte:

Die selten in der Malerei behandelte Erzählung von der Begegnung Juda und Thamars und ihrer Blutschande (1. Mos. 38) ist unabhängiger Bestandteil der Geschichte Josephs von Ägypten (1. Mos. 37-50). Um ihn aus dem Weg zu schaffen, wurde dieser von seinen älteren Brüdern in einen Brunnen geworfen. Nur Juda hatte Mitleid und rettete seinen Bruder Joseph vor dem Tod, indem er ihn an Kaufleute einer vorbeiziehenden Karawane verkaufte, die ihn nach Ägypten brachten.


Als der älteste Sohn Judas, Ger, starb, heiratete dessen Witwe Thamar den jüngeren Bruder Onan, der zur Heirat seiner Schwägerin verpflichtet war, damit sie versorgt war. Da Onan aber mit ihr keine Nachkommen zeugen wollte, weil er wußte, daß die Kinder nicht als die seinen gelten sollten, ließ er den Samen verderben, um seinem Bruder keine Nachkommen zu verschaffen (1. Mos. 38,9). Als Gott Onan zur Strafe tötete, verweigerte Juda die Heirat seiner Schwiegertochter mit seinem dritten Sohn. Thamar erschlich sich daraufhin von Juda selbst Kinder, worauf die Szene des Gemäldes anspielt. Weil durch einen Schleier unerkannt, wähnte Juda eine Hure vor sich und legte sich zu ihr. Als Gegenleistung versprach er ihr einen Ziegenbock, für den er ein Pfand – diese Begebenheit zeigt das Bild -, bestehend aus Schnur, Stab und Ring hinterlegen musste (1. Mos. 38,18). Aus der Verbindung gingen die Zwillinge Peres und Zerach hervor. Obwohl moralisch verwerflich, erhält das Ereignis seine legitimierende Bedeutung mit dem Hinweis auf die Stammelternschaft von Juda und Thamar für Christus (Matth. 1 u. Luk. 3).


Der Künstler:

In seiner Bevorzugung alttestamentlicher Stoffe ging Victors über die bei Rembrandt und seinen übrigen Schülern gängige Praxis noch hinaus und beansprucht deshalb innerhalb dieser Künstlergruppe eine hervorgehobene Position. Seine betonte Hinwendung zum Alten Bund lässt sich nicht allein aus dem calvinistisch-holländischen Auftraggeber-Umfeld seiner Geburts- und Wirkungsstadt Amsterdam erklären. Gemeinhin galten den Niederländern Ereignisse im Alten Testament als Präfigurartionen der eigenen Geschichte und waren deshalb beliebt. Bei einem Teil äußerst seltener Themen hat es den Anschein, daß sie speziell für vermögende jüdische Kaufleute bestimmt gewesen sind, die in der Stadt seßhaft geworden waren.


Wie es das vorliegende Gemälde deutlich macht, liegen Victors Stärken in der virtuosen Suggestion von Stofflichkeit, beispielsweise von Judas pelzverbrämtem Mantel und seinem Turban, aber auch von dem Schleier Thamars, der den verdeckten Teil ihres Gesichts durchscheinen lässt, so dass sie letztlich nichts von ihrer Physiognomie einbüßt. Der Künstler geht stilistisch von Rembrandts klar aufgebauten und in malerischem Detailreichtum erstrahlenden Figuren der mittleren 1630er Jahre aus (u.a. „Festmahl des Belsazar“, London, National Gallery; „Saskia“, Kassel, Staatliche Museen), doch sind die verwendeten Typen eigene: große, kräftig gewachsene Gestalten, auf denen das Licht in hohem Maße zur plastischen Modellierung der Gesichter und Hände beiträgt. Außer Victors haben sich die Rembrandt-Schüler Aert de Gelder (u.a. Mauritshuis, Den Haag) und der wie Victors ebenfalls in Amsterdam ansässige Ferdinand Bol (Museum of Fine Arts, Boston; Pushkin Museum, Moskau) dem Bildgegenstand von Juda und Thamar gewidmet.


Das Bild:

Erste datierte Bilder von Victors entstanden 1640. Formale Anhaltspunkte zur vorliegenden Komposition finden sich in seinen Werken der späten 1640er und frühen 1650er Jahre. Der Kopftypus Judas entspricht nahezu wörtlich dem des Landarbeiters Gibea in dem Gemälde „Der Levit und sein Kebsweib beim Landarbeiter von Gibea“ in der National Gallery of Ireland in Dublin (Sumowski, Bd. IV, S. 2601, Nr. 1740, Abb.S.2639). Die Modellierung der Figuren, der gewählte Bildausschnitt zum Dreiviertelformat mit den nah an den vorderen Bildrand gerückten Akteuren sowie die detaillierte Ausformulierung der Landschaft im Hintergrund sind gut vergleichbar mit Victors 1653 vollendeter Darstellung von „Ruth gelobt Naemi die Treue“ (Sumowski, Bd. IV, S. 2607, Nr. 1767, Farbabb.S.2666). Eine Datierung des Gemäldes von „Juda und Thamar“ um 1650 ist deshalb plausibel.



Literatur:

  • W. Sumowski,  Gemälde der  Rembrandt-Schüler, Bd. IV,  Landau/Pfalz 1983, S. 2589 – 2722 (zu Jan Victors).

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