Deckelterrine auf Présentoir für den Ruppiner Landrat Friedrich Wilhelm von Schenckendorff (Schönow 1794-1861 Wulkow)


Silber, gegossen, getrieben, graviert, ziseliert, teilvergoldet
Berlin, datiert 1860
SY & WAGNER / BERLIN / und Formnummer: 812 für Werkstatt Louis Sy (1821-1881) & Albert Wagner (1826-nach 1886, seit 1856 Hofgoldschmied)
Maße: Gesamthöhe: 39 cm; Présentoir: 33 x 36,5 cm; Terrine: Länge: 42 cm,
Höhe: 36 cm; Gesamtgewicht: 6080 g


Présentoir bezeichnet: “Karte des Rupin’schen Kreises /1860“
Im vergoldeten Spiegel die gravierte Landkarte des Kreises Ruppin Terrine am oberen Rand umlaufende Widmungsinschrift:

“Dem Königl. Preuss. Major a.D. Geheimen Regierungsrath Friedrich Wilhelm von Schenckendorff auf Wulkow , Landrath von 1842-1860, in dankbarer Erinnerung die Stände des Kreises Ruppin.“

Die große repräsentative Terrine erhebt sich über einem ovalen Grundriß. Sockel und Gefäß sind durch ein umlaufendes, gedrehtes Band abgegrenzt. Darüber erhebt sich die stark gebauchte Wandung, die durch vier kleine runde und zwei ovale, vierpaßige Reserven geschmückt ist. Die durch Profile abgesetzten Zwischenräume sind durch einen aufgesetzten Dekor von stilisiertem Astwerk und fünffingrigenBlättern ausgefüllt, das analog auf dem spitz nach oben zulaufenden Deckel wiederkehrt und die dort ausgelassenen vier vierpassigen Reserven umgibt. Als Bekröung dient der preußische Adler auf Fahnen, Trompeten, Helmen und Kanonen. Die seitlichen Handhaben der Terrine bestehen aus dicken, wieder Astwerk stilisierenden Henkeln.

Die insgesamt acht Reserven sind der bildlichen Darstellung entsprechend bezeichnet und zeigen in feiner Gravur die Stadtsilhouette von NEU-RUPPIN. Auf der gegenüberliegenden Seite des Gefäßes ist das berühmteste Baudenkmal des ehemaligen Kreises Ruppin, das SCHLOSS ZU RHEINSBERG abgebildet. Die vier kleinen runde Reserven bilden in gegossenen Reliefs die Allegorien auf Handel, Ackerbau, Viehzucht und Fischfang ab.

Der Stecher und Graveur nutzte damals aktuelle Vorlagen. Die Stadtansicht vom Ostufer des Ruppiner Sees zeigt den Zustand um 1860. Die Industriealisierung hat Einzug gehalten, Schornsteine und Fabrikbauten sind an der Peripherie Neuruppins zu sehen. Die Pfarrkirche St. Trinitatis und ehemalige Dominikaner-Klosterkirche ist noch mit einem kleine Dachturm ausgestattet, erst 1904-07 erhielt die Kirche das neugotische Turmpaar. Die 1737-39 von Knobelsdorff umgebaute Schloßanlage hat der Graveur von der Parkseite eingefangen, die zum See abfällt und einen kleinen Landesteg ins Zentrum rückt.

Das auf den ehemaligen Kreis Ruppin konzipierte Programm mit Ansicht des wichtigsten und berühmtesten Baudenkmales sowie der Kreishauptstadt wird auf dem Deckel um weitere Ansichten von Baudenkmälern erweitert, die nun im engeren Zusammenhang mit dem Landrat von Schenkendorff stehen.

Am wichtigsten ist die Ansicht des HERRENHAUSES WULKOW, dem Wohnsitz der Schenkendorffs. Der gleichnamige Ort, wenige Kilometer von Neu-Ruppin entfernt, bestand im 18. Jahrhundert aus zwei Gütern. 1650 wurde das Herrenhaus errichtet und danach mehrfach verändert. Die Hauptansicht des Schlosses zeigt einen elfachsigen einflügeligen Bau mit Satteldach. Die Seiten sowie die Mitte sind durch Pfeiler gegliedert. Ein einfaches Portal sowie abgesetzte Fenstergewände bilden die übrige dekorative Ausstattung des Baus. Rechts ist ein kleiner balkonartiger Anbau zu sehen.

Die heutige Fassade des Herrenhauses zeigt an der Front einen krönenden, mittigen Dreiecksgiebel, der auf vier kannelierten Pilastern ruht. Davor wurde eine kleiner Säulenaltan gesetzt, der einen späteren Aufbau erhielt. Scheinbar sind diese Umbauten nach 1860 durchgeführt worden, die dem Bau einen klassizitischen Ausdruck verleihen sollten. Schenkendorff besaß das Rittergut Wulkow von 1800 bis nach 1860. Sicherlich sind die Modernisierungen nach einem erneuten Besitzerwechsel durchgeführt worden.

“Das Gutshaus zählt zu den größten und ältesten erhaltenen barocken Herrensitzen des Ruppiner Landes und ist ein bedeutendes Zeugnis für drei Jahrhunderte Ruppiner Geschichte. Trotz der Zerstörungen in jüngster Zeit dokumentieren die Großzügigkeit des Baus und die teilweise erhaltene Ausstattung den Wohlstand und Repräsentationswillen der Gutsbesitzer.“

In der nächsten Reserve ist das ehemalige KLOSTER LINDOW als Ruine illustriert, das Theodor Fontane in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschreibt und ihm als Vorlage zu einem Kloster in seinem Roman “Der Stechlin“ diente. Das etwa 1230-40 gegründete Kloster wurde während des Dreißigjährigen Krieges zerstört und war das Hauskloster der Grafen von Arnstein, die das Gebiet östlich des Ruppiner Sees in dieser Zeit unter ihre Herrschaft brachten.

Das Zisterzienserinnenkloster Lindow war eine der wichtigsten Versorgungsstationen für die unverheirateten Töchter des Ruppiner Adels. Die Blütezeit reichte vom 15. bis zum frühen 16. Jahrundert. Nach dem Aussterben der Lindower Grafen ging die Herrschaft an den Kurfürsten der Mark Brandenburg Joachim I. über. Das Kloster durfte zwar noch als Fräuleinstift weiter existieren, doch die Zahl der Konventualinnen sank von Jahr zu Jahr. Die Kriegzerstörung und Verwendung von Baumaterial zum Wiederaufbau des Dorfes Lindow sowie die Lieferung von Ziegelmaterials für den Bau des Schlosses Oranienburg 1650 haben den Klostergebäuden arg zugesetzt. Dennoch haarten im 19. Jahrhundert noch vier Nonnen aus. 1945 erfolgte die Auflösung des Klosters.

Eine weitere Reservce zeigt das KREIS-KRANKENHAUS von Neuruppin in seinem Zustand um 1860. Die in der Gravur deutlich auszumachende Schrifttafel über dem Portal: “St. Johanniter Ritter, Ordens Kranken=Haus...des Kreises Ruppin 1856“ geht auf das Gründungsdatum der Heilstätte in der August-Bebel-Str. 51 zurück, als das Krankenhaus noch im Pfarrhaus der Evang. Methodist. Kirche untergebracht war. Errichtet wurde der Bau nach 1787. 1866 erfolgte der Neubau des Krankenhauses in der Neustädter Str. 58 .

Als letztes Baudenkmal ist das KREISHAUS ZU NEU-RUPPIN in der Virchowstraße 14/15 (früher Ferdiandstraße 14) in seinem Zustand vor dem Neubau bzw. der Überbauung Ende des 19. Jahrhundert illustriert. 1860 zeigte sich das spätbarocke Wohnhaus noch mit einem durch Säulen akzentuierten, dreiachsigem Mittelrisalit und je vier Fensterachsen an den Seiten.

In diesem Jahr wurde die Ruppiner Verwaltung, die seit 1702 von Landräten von ihren Gütern aus geführt wurde, nach Neuruppin in dieses Haus verlegt. 1893 schrieb man einen Wettbewerb zum Neubau des Landratsamtes aus. Leicht verändert, erbaute Max Schilling im Stil der Neorenaissance dieses Gebäude, das zu den wichtigsten Bauten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Neuruppin gehört.


Literatur:

  • Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Bd. 13.1, Denkmale in Brandenburg, Landkreis Ostprignitz-Ruppin, Stadt Neuruppin, Worms 1996
  • Oliver H. Schmidt /H. Jürgen Feuerstake (Hg.), Zisterzienserklöster in Brandenburg, Berlin 1998, S. 99-104

 

 

 

 

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