Deckelhumpen des Leipziger Verlegers
Wilhelm Ambrosius Barth (Leipzig 1790-1851)


Silber
Leipzig, datiert 1822

Heinrich Christoph Carl Westermann (Meister seit 1803)
Höhe: 26,7 cm, Gewicht: 2220 g

Signiert unter dem oberen Henkelansatz:
Gefertigt von H.C. Westerman in Leipzig 1822
Vater des bedeutenden Braunschweiger Verlegers George Westermann (1810-1879)
Bezeichnet auf Unterseite:
Dein Schritt in's Ehebette / Ward mir Verlust der Wette /
Drum löse ich mein Wort / und überreiche Dir/
Die süsse Kanne hier/ W.A. Barth

Der Leipziger Deckelhumpen aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts stellt in dieser schweren Qualität und künstlerischen Bearbeitung in der deutschen Goldschmiedekunst ein Rarissimum dar. Formal gehört der Gefäßtypus des Humpens in das 16. und 17. Jahrhundert. Die dekorative Ausgestaltung des Stückes ist im Gegensatz dazu mit Blumenranken an Stand- und Deckelwulst sowie der umlaufenden figürlichen Szene zeittypisch dem Biedermeier und nazarenischen Vorbildern entnommen.

Die Goldschmiedearbeit spiegelt in Anlaß, Form und Dekor in exemplarischer Weise die Zeit des Vormärz und den damit verbundenen Rückzug ins Private wieder. Denn die am Boden angebrachte Widmung nimmt Bezug auf eine Eheschließung und ein damit einher gehendes Versprechen. Umlaufend sind folgende Bibelstellen bzw. Kapitel aus dem Buch Sirach eingraviert, die einen jungen Mann (zu denken wäre hier an den zukünftigen Bräutigam und den Gewinner der oben zitierten Wette) und den Leser zu einem gottesfürchtigen und gottgefälligen Leben ermahnen:
Br. Joh. 4,7. 8, / Spr. Sal. 17,17.22 / Spr. Sal. 18,24 / Psalm 5,12 / Tobias 13, 16 / Sirach 37,6. / Ebräer 13,2 / Ev. Joh. 3, 29 / Sirach 26, 16-24 /Sirach 30, 1-3 / Philip: 4,4 / Psalm 118,24 / Ev. Joh. 15,11-12, Sirach 14,14.

Das Buch Jesus Sirach ist ein Buch der Weisheitsliteratur, das ungefähr 180 v. Chr. verfaßt wurde. Es gehört dem jüdischen Kanon an und ist Teil der Septuaginta, wird also von Katholiken und orthodoxen Christen – jedoch nicht von Protestanten und den meisten freikirchlichen Christen – als Teil der Bibel angesehen.
Wilhelm Ambrosius Barth, der diese Goldschmiedearbeit 1822 stiftete, war der Sohn des Leipziger Verlegers und Buchhändlers Johann Ambrosius Barth (1760-1813) und seiner Frau Catharina Wilhelmina, geb. Mann, verw. Haug (1755-1799), die Witwe des ursprünglichen Verlaggründers.

Nach dem Besuch von Vorlesungen an der Universität Leipzig erhielt Barth seine buchhändlerische Ausbildung sowohl im Unternehmen seines Vaters in Leipzig als auch in Frankfurt/Main. 1813 übernahm er nach dem Tod des Vaters die elterliche Verlags-buchhandlung. Im September 1814 wurde B. Bürger von Leipzig. Unter seiner Leitung erfolgte der weitere Ausbau der wissenschaftlichen Ausrichtung des Verlags.

Als neuer Zweig fand die Kunstgeschichte Aufnahme in das Programm. Das Kommissionsgeschäft wurde erweitert und in großem Umfang Ankäufe von Werken aus anderen Verlagen getätigt. 1825 heiratete Barth in zweiter Ehe Auguste Friederike, geb. Wilde (1804-1869). Seine erste Frau Sophie Friederike verstarb bereits 1799. Kinder waren u.a. Adolph Ambrosius (1827-1869) und Johann Ambrosius (gen. Hans) (1834-1887), die beide den Verlag weiterführten.

1824 entschied sich Barth für den damals noch unbekannten Johann Christian Poggendorff als neuen Herausgeber der „Annalen der Physik“, einer der bedeutendsten vom Verlag herausgegebenen Zeitschriften. Poggendorff betreute die Zeitschrift über 50 Jahre und leistete damit einen bedeutenden Beitrag für den Verlag und die Naturwissenschaften insgesamt. 1827 trat der Chemiker Otto Linné Erdmann mit dem Wunsch der Herausgabe einer neuen Zeitschrift an den Verlag heran, ein Jahr später wurde das „Journal für technische und ökonomische Chemie“, seit 1834 unter dem Titel „Journal für praktische Chemie“, in den Verlag genommen.

1838 erschienen die „Minnesinger“ des Professors für deutsche Sprache und Literatur Friedrich Heinrich von der Hagen. Zu den bedeutenden Autoren unter Barth’s Leitung zählten auch Carl Gustav Carus und Wilhelm Gotthelf Lohrmann.

1827 wurde Barth Buchhandelsdeputierter. 1831 bis 1834 war er als Erster Vorsteher im Leipziger Börsenverein tätig. In dieser Eigenschaft verfasste er u.a. 1832 ein Gutachten über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Buchhändler und die neu eingeführte Städteordnung. Auch auf seine Anregung geht die 1834 erfolgte Gründung des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel zurück. Daneben förderte und unterstützte er den Bau der Buchhändlerbörse in Leipzig. 1831 wurde er Leipziger Stadtverordneter. Er gehörte zu den Mitbegründern des Leipziger Kunstvereins und war dort im Gesellschafterausschuss tätig. Seine Zuwendung zur bildenden Kunst zeigte sich auch in seiner umfangreichen und wertvollen Sammlung von Gemälden, Radierungen und Lithografien. Ein Doppelporträt des Buchhändlers mit seiner 2. Frau wurde von C. L. Tischbein 1826 ausgeführt und befindet sich in der Sammlung des Verlegers Manfred Meiner, Hamburg.




Literatur:

  •  Marion Bähr, Wilhelm Ambrosius Barth, in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky, Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.11.2008)



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