Herrnhaag 1743-1807 Wiesbaden

Große Schreibkassette aus französischem Königsbesitz

Goldbronzebeschläge von François Rémond

(Paris 1747-1812, Meister seit 1774)

Neuwied um 1785-89

Mahagoni und geflammtes Mahagoni, mit ziselierten und vergoldeten Bronzebeschläge

Höhe: 32 cm; Breite: 56,5 cm; Tiefe: 38 cm

 

Detailbeschreibung

Provenienz:

  • Marie Joséphine, Comtesse de Provence (1753-1810), Gemahlin des künftigen frz. Königs Ludwig XVIII. (1755-1824) wohl direkt von David Roentgen erworben und von ihr an Marguerite de Gourbillon (1737-1817), ihre Hofdame und enge Vertraute.
  • Sotheby’s, Monaco, 30. April 1976, Los 76.
  • Christie’s, Monaco, 17. Juni 2000, Los 310.

Ausstellung:

  • Roentgen, Thonet und die Moderne, Roentgen-Museum, Neuwied, 2011. Kat. Nr. 24, S. 266.
  • Extravagant Inventions - The Princely Furniture of the Roentgens, Metropolitan Museum of Arts in New York 2012, vgl. S. 153 Kat. Nr. 41

Literatur:

  • W. Koeppe, ed. Extravagant Inventions, The Princely Furniture of the Roentgens, New York, 2012, p.234, app. 3.1
  • A. Stiegel, Präzision und Hingabe: Möbelkunst von Abraham und David Roentgen, Berlin, 2007, S. 112, Abb. 15a.
  • B. Willscheid & W. Thillmann, Möbel Design. Roentgen, Thonet und die Moderne, Roentgen Museum Neuwied, 2011, S. 266, Nr. 24.

 

Diese majestätische Schreibkassette ist nicht nur ein hervorragendes Beispiel von David Roentgen’s Arbeiten der späten 1780er im elegant architektonischen Stil des Louis XVI, sondern vor allem aufgrund seiner Provenienz von großer Bedeutung.

Schon auf den ersten Blick zeugen die eindrucksvollen Dimensionen von einer königlichen Provenienz: von den wenigen Kassetten aus Roentgen’s Werkstatt mit vergleichbar majestätischen Abmessungen befindet sich eine in der Eremitage und eine weitere im Louvre. Die königliche Provenienz wird weiter durch die Beschreibung solch prächtiger Kassetten in den Versailler Inventaren der Comtesse de Provence, Gemahlin des künftigen frz. Königs Ludwig XVIII, sowie von Marie Adélaïde de Bourbon, Tochter Ludwig XV. von Frankreich, bekräftigt. Die Fertigung für den Hof in Paris – eventuell sogar eine Fertigung in Paris – wird außerdem durch die Publikation des Kunsthistorikers Christian Baulez bestätigt, der Roentgens Zusammenarbeit mit François Rémond, einem der bedeutendsten Pariser Bronziers der Epoche, untersucht hat (siehe L’Estampille et L’Objets d’Art, September 1996, S. 106). Insbesondere Baulez‘ Funde zu Rémonds Lieferungen von vergoldeten Bronzen im September 1780 an Roentgen sind von Bedeutung, da die Beschreibung der Bronzen in Rémonds Rechnungen sie als die für diese Kassette benötigten Beschlägen identifizierbar machen.

Reich an heraldischer und allegorischer Symbolik und mit komplexen technischen Raffinessen gefüllt, ist diese Kassette als Auftrag des königlichen Hofes zu erkennen und wurde als solche auch auf der großen, Abraham und David Roentgen gewidmeten, Ausstellung am Metropolitan Museum in New York Anfang 2012 gewürdigt.

Die königlich französische Provenienz

Eine Reihe von Kassetten von unterschiedlicher Komplexität und Entwurf werden in den Inventaren und Dokumenten als Besitz der königlichen Familie und des Versailler Hofs aufgeführt.

Recherchen in diesem Bereich wurden von Christian Baulez unternommen, der eine solche Kassette in einem Inventar der französischen Revolution fand und dies in seinem Artikel „David Roentgen und François Rémond“ im September 1996 in L'Estampille, L’Objet’s d‘Art (S. 106) publiziert:

Un coffret en forme de nécessaire, en bois d'acajou massif, orné de moulures, filets, rosaces, mains et plaques; le tout de cuivre doré d'or moulu, le dessus formant trois gradins; renfermant des compartiments et beaucoup de secrets; cassé et mutilé; de 20 pouces de longs, sur 13 de larges et 13 de hauteur, dont la clef manque. Prisé 150 livres

Diese Kassette wurde bei Madame de Gourbillons, Hofdame und enge Freundin von Madame la Comtesse de Provence, beschlagnahmt, die von dieser reich beschenkt worden war.

Diese dokumentierte Zusammenarbeit zwischen dem Pariser Bronzier François Rémond und dem Neuwieder Ébénisten David Roentgen lässt Baulez zu dem Schluss kommen, dass Roentgen die Kassette nicht in Neuwied, sondern in Frankreich angefertigt haben kann. Am 30. September 1780 lieferte Rémond dem Möbelschreiner Roentgen: „Für das Modellieren, Gießen, Ziselieren, Montieren und ‚Matt-Vergolden‘ von 24 Medaillons mit antiken Köpfen mit Lorbeerkränzen“ 240 Livres. In den folgenden Monaten wurden zahlreiche weitere Griffe und Beschläge in Form von Draperien und Rosetten in verschiedenen Größen von demselben Bronzier an Roentgen geliefert.


Beschreibung und Funktionen:

Die große Schreibkassette ruht auf einem Sockel mit Schublade und schließt mit einem dreifach gestuften Deckel ab. Die Kassette ist reich mit Bronzebeschlägen verziert: seitliche Griffe in Form hängenden Tüchern, runde und ovale Rosetten, Riffeldekor, hängende Zöpfe, Zackenfriese, Perlenfriese und profilierte, umlaufende Leisten.

 Der an der Front mittig angebrachte Schließmechanismus wird abgedeckt mit einem Bronzebeschlages mit dem Kopf Platos auf einer Draperie. Druck auf den Knopf öffnet das verdeckte Schlüsselloch. Eine Drehung des Schlüssels entriegelt den Deckel nach oben. Im Deckel befindet sich eine Platte, die ein verdecktes Dokumentenfach verschließt. Im Inneren des Kastens sind zwei rechts und links durch Rollos verschlossene Laden eingelassen, die durch eine weitere Drehungen des Schlüssels nach rechts bzw. links hochspringen. Darin sind nach vorne herausziehbare kleine Schubladen angebracht. Durch Druck auf einen in der Oberkante der Rückwand eingelassenen Messingknopf entriegelt die geheime Schublade im Sockel und springt mit einem Federmechanismus nach vorne. Weiteres Herausziehen der Schublade löst mit einem Federmechanismus den Bodens im Inneren der Kassette und öffnet so ein weiteres Geheimfach.

 

Vergleichbare Kassetten von David Roentgen:

 Eremitage Museum,
St Petersburg
(siehe H. Huth, Roentgen Furniture, New York, 1974, Abb. 196).
Provenienz: Sammlung S. E. Jewdoemova
Das Portraitmedaillon an der Front zeigt den franz. König Ludwig XV.

 

Musée du Louvre,
Paris
(siehe H. Huth, Roentgen Furniture, New York, 1974, Abb. 195)
Provenienz: Baron B. von Schlichting

 

Eine weitere Kassette war vormals in der Sammlung von Lord Clifton und wurde bei Parke Bernet Galleries, New York, am 25. März 1949 als Los 195 verkauft. Die Kassette ist heute in einer privaten Sammlung, USA.