Leonhard Kern

(Forchtenberg 1588 - 1662 Schwäbisch Hall)

Mädchen-Putto
Holz
um 1635/40
Höhe: 23,5 cm

 

Statuette und Sockel sind aus einem Stück Holz geschnitzt. Anfänge und erste Blütezeit der „Putto-Welt“ liegen in der Bildwelt der Antike, in Griechenland und in Rom. Eine zweite Blütezeit dieses Skulpturen-Typs folgte in Renaissance und Barock, ausgehend von Italien, auch in den Ländern nördlich der Alpen im 16. und 17. Jahrhundert.

Zu den bedeutendsten Bildhauern der Kleinplastik in Elfenbein, Holz und Bronze gehörten die italo-niederländisch-flämischen Bildhauer Giovanni Bologna (1524 - 1608), Francois Duquesnoy (1594 - 1643) genannt Il Flamingo, Gerhard Opstal (1597 - 1668) und Artus Quellinus d.’A’. (1609 - 1668). Hinter ihnen und ihren Nachahmern standen als wegweisendes Vorbild das Genie Michelangelo (1475 - 1564), die Antike und die Natur. Vorrangiges Studienobjekt war der nackte Mensch - Männer, Frauen und Kinder (das Kind als Putto: „der kleine Mensch“).

Für den geborenen Bildhauer Leonhard Kern war die Verarbeitung dieser Einflüsse die Frucht seines Italienaufenthaltes (1609 - 1613), der sein ganzes Oeuvre prägen sollte.

Für den Familienvater Leonhard Kern war es die eigene Familie - seine Frau und seine Kinder (11 Knaben, 6 Mädchen), die ihm sehr wahrscheinlich Modell gestanden hatten. Unabhängig davon zeigt es sich, dass in seinem Oeuvre Frauen-Statuetten und Knaben-Putti bei Weitem in der Überzahl sind. Rein physiognomisch sind Leonhard Kerns Knaben- und Mädchenputti nicht grundsätzlich voneinander zu unterscheiden. Allerdings haben sich zwei Gesichtstypen, nämlich ein rundgesichtiger Typ und ein langgesichtiger Typ herausgebildet, was sich auch in der Schädelform (Rundschädel, Langschädel) niederschlägt.

Der Mädchenputto ist ohne Schwierigkeit in das Oevre Leonhard Kerns einzufügen. Der Putto steht auf einer rechteckigen Sockelplatte. Das rechte Bein ist vorangestellt (Spielbein), das linke Bein ist zurückgestellt (Standbein). Beide Füße stehen ganz flach auf der Sockelplatte auf (Standhaltung). Die Beinstellung ist nach rechts offen. Beide Arme sind abgewinkelt und liegen vor der Brust. Die Hände sind originell gefaltet und nach links auf die Seite des Spielbeins verschoben. Der Kopf, auf kurzem Baby-Hals, ist leicht nach rechts gedreht und geneigt. Die Frisur besteht aus schneckenartig gedrehten Locken, flach wie eine Kappe angelegt. Die zwei einzigen Steilfalten gehen von der Nasenwurzel aus und setzen sich auf der Stirn bogig fort. Eine ähnliche Art der Stirnfalten findet man beim Bildhauerjüngling (Museum Braunschweig); dort sind sie Ergebnisse harter Steinmetzarbeit.

Die Beschreibung hat deutlich gemacht, dass die Struktur der Mädchenstatuette kontrapostisch angelegt ist. Dieses ist aber nur ein Kriterium, ob es sich um eine meisterliche oder um eine Werkstattarbeit handelt.

Ein anderes Kriterium ist der Vergleich mit älteren unsignierten Statuetten in öffentlichem Besitz, deren Leonhard Kernsche Herkunft nie zweifelhaft gewesen ist, dazu gehören: 1. die zwei Knaben „vom alten Kern zu Hall“ (gemeint ist Leonhard Kern), 2. das Mädchen mit Töpfchen (Schwäbisch Hall), 3. der Huckepackträger (Weimar, Goethes Kunstsammlung), 4. ein ausschreitender Knabe (Hamburg) und 5. ein fast identisches Stück (Frankfurt, Liebieghaus).

Es stellt sich auch die Frage nach dem dargestellten Motiv und dessen symbolischer Bedeutung. Dazu verhilft vielleicht 6. ein Sandstein-Putto (Monumentalskulptur), von Artus Quellinus d. Ä. (Gabriels, Quellinus Taf. 15). Der männliche (?) Putto (heute Museum Eremitage, St. Petersburg) ist nur bekleidet mit einer Draperie und nimmt im Übrigen die vom Mädchenputto her bekannte Stellung ein. Er hat seinen Mund weit geöffnet, beide Hände erhoben und ebenso gefaltet wie der Mädchenputto, sich aber (bittend?) nach Oben wendet. Er gehört ebenfalls zum Rundgesichtstyp und ist ohne Attribute dargestellt.

7. Ein zweiter Fund betrifft das Wandgrabmal eines Grafen von Hohenlohe (gest. 1644). In das Grabmal sind zwei geflügelte (Engels-)Putti eingefügt. Sie verkörpern die „Justitia“ (=Gerechtigkeit, männlicher Putto) und die „Patientia“ (= Geduld, das Unabwendbare standhaft und unbewegt zu ertragen). Deren Attribute sind bezeichnenderweise das Lamm sowie Hammer und Amboss. Als drittes Attribut kommt als Handgeste „die ineinandergefalteten Hände“ vor, wie sie auch bildliche Darstellungen der Patientia aus dem 18. Jahrhundert zeigen.

Das ikonographisch-figürliche Programm für den als Vergleichsstück heranzuziehenden gräflichen Grabstein ist so anspruchsvoll, daß dafür unter den regionalen Künstlern nur Leonhard Kern in Frage kommt.

Die Entstehungszeit Leonhard Kerns Mädchen-Putto-Statuette ist um 1635/40 anzusetzen.

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