Wappenteppich Augsburger Patrizier

Ehewappen Ambrosius Höchstetter von Burgwalden d. Ä. und Anna von Rehlingen
Flandern, um 1483
Wolle und Seide, Maße: 96 x 373 cm

 

Der bestens erhaltene Wandteppich, aus wertvoller Seide mit Wolle gewirkt, gehört zum Typus der sogenannten Millefleurs-Teppiche, die in Flandern und Frankreich im 14. und 15. Jahrhundert entstanden sind. Millefleurs ist die Bezeichnung eines charakteristischen ornamentalen Dekors, das für Wandteppiche der Spätgotik, d.h. an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, entworfen worden ist. Die Hauptmanufaktur für die Millefleurs-Teppiche wird in Tournai vermutet, das zum damals kulturell führenden Herzogtum Burgund gehörte und ein bedeutendes Zentrum des Tuchhandels sowie der Anfertigung von hochwertigen Textilien war. Im Millefleurs-Dekor ist eine säkulare oder allegorisch-religiöse figürliche Szenerie mit einer Vielzahl an Pflanzen, meist Blumen, ausgefüllt. Als herausragendes Beispiel dafür gilt der sechsteilige Wandbehang "Die Dame mit dem Einhorn" im Musée national du Moyen Âge in Paris.

Die florale und figürliche Gestaltung der Tapisserie "Augsburger Patrizier" ist sowohl in der Bordüre als auch im Teppich selbst sehr variantenreich. Verschieden farbige Blüten und Blätter umfangen die Wappenschilde. Als Bestandteil der Fauna sind die in ihrer künstlerischen Auffassung hervorragend gestalteten Figuren von Hase und Fuchs am unteren Rand dargestellt.

Die in die Millefleurs eingestellten Allianzwappen in den ornamentalen Rahmen sind rechts und links symmetrisch angebracht. Die Wappen sind folgendermaßen zu identifizieren: das mit der Kerbteilung gehört dem 1518 in den Reichsadelsstand erhobenen Augsburger Geschlecht von H ö c h s t e t t e r, das mit den zwei rosenbekrönten Spitzen dem 1666 in den Reichsfreiherrenstand erhobenen Geschlecht von R e h l i n g e n.

Die Höchstetter waren Nachkommen staufischer Ministerialen aus Höchstädt an der Donau, die ersten urkundlichen Erwähnungen entstammen dem Ende des 13. Jahrhunderts. Unter Ulrich V. vollzog sich der Aufstieg der Familie in den Groß- und Fernhandel für Textilien und Gewürze. Dessen Sohn Ambrosius d. Ä. wurde in Brügge ausgebildet und gründete im Jahr 1486 eine Faktorei in Antwerpen. 1483 heiratet er Anna von Rehlingen aus Regensburg, die ebenfalls aus einer bedeutenden Patrizierfamilie stammt. 1483 ist für die Tapisserie auch die früheste mögliche Datierung, da die Wappen in dieser Kombination vorher nicht vorkommen. Wahrscheinlich ist die Heirat auch der Anlaß zur Anfertigung der Wirkerei gewesen.

Die Höchstetter zählten neben den Familien Fugger und Welser zu den mächtigsten deutschen Kaufmannsfamilien. Anfang des 16. Jahrhunderts besaßen sie ein großes Handels- und Bankhaus in Augsburg mit Filialen in Antwerpen, Brügge, Venedig, Lissabon und Lyon und waren unter anderem Besitzer des Hüttenwerks Steineberg in Tirol.

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